Mike Tyson verdiente in seiner Karriere über 300 Millionen Dollar und meldete 2003 Insolvenz an. Boris Becker sammelte bis zu seinem 32. Lebensjahr mehr als 25 Millionen Dollar Preisgeld ein und wurde 2017 von einem Londoner Gericht für bankrott erklärt, mit Schulden von 42 Millionen Pfund. Solche Zahlen wirken wie aus einer anderen Welt, folgen aber Mustern, die im ganz normalen Haushalt genauso auftreten. Welche Auswege es gibt, wenn die Schulden den Überblick übersteigen, zeigen die Wege aus der Schuldenfalle unabhängig von der Höhe des Betrags.
Um diese Fälle ranken sich einige hartnäckige Annahmen. Fünf davon halten der Prüfung nicht stand.
Irrtum 1: Wer viel verdient, kann nicht pleitegehen
Das Gegenteil ist der Fall. Hohe Einnahmen verführen zu Fixkosten, die sich nicht mitschrumpfen lassen, wenn die Einnahmen wegbrechen.
Ein Haus, eine Yacht, Personal und laufende Verträge kosten weiter, unabhängig davon, ob der nächste Kampf, das nächste Album oder der nächste Werbevertrag zustande kommt. Tyson soll rund 500 Millionen Dollar ausgegeben haben, unter anderem für Luxusgüter und Immobilien.
Der Mechanismus dahinter heißt Lebensstilinflation und funktioniert bei jedem Einkommen gleich:
- Das Einkommen steigt, die Ausgaben steigen mit.
- Neue Ausgaben werden zu Fixkosten, nicht zu variablen Posten.
- Rücklagen wachsen nicht mit, weil sie aus dem übrig gebliebenen Rest gebildet werden.
- Ein Einkommensrückgang trifft auf eine Kostenstruktur, die für das alte Niveau gebaut wurde.
Wer 3.000 Euro verdient und 2.900 ausgibt, steht strukturell an derselben Stelle wie jemand mit 300.000 Euro Monatseinkommen und 290.000 Euro Ausgaben.
Irrtum 2: Es ist immer der ausschweifende Lebensstil
Der Lebensstil ist der sichtbarste, aber selten der einzige Grund. In den dokumentierten Fällen tauchen vier Ursachen regelmäßig auf, meist in Kombination.
| Ursache | Typischer Verlauf | Beispiel aus der Berichterstattung |
|---|---|---|
| Gescheiterte Unternehmensbeteiligung | Kapital fließt in eine Firma, die insolvent wird | Franjo Pooth, Insolvenz der Maxfield GmbH 2008, rund 17 Mio. € |
| Steuernachforderungen | Einnahmen versteuert, Rücklage fehlt | zahlreiche Fälle im Sport und in der Musik |
| Schlechte Beratung und Bürgschaften | Haftung für fremde Verbindlichkeiten | wiederkehrendes Muster bei Künstlern |
| Einkommensabbruch | Karriereende ohne Anschlussplan | Boxen, Musik, Fernsehen |
Ein Vermögen verschwindet selten durch eine einzige Fehlentscheidung, sondern durch mehrere gleichzeitig.
Der Komponist Dieter Reim, der für Roy Black und Jürgen Drews schrieb, häufte rund 13 Millionen Euro Schulden an und war nach einem verkürzten Insolvenzverfahren im April 2010 schuldenfrei. Auch hier wirkten mehrere Faktoren zusammen.
Irrtum 3: Prominente bekommen leichter Kredit
Kurzfristig ja, langfristig wird ihnen genau das zum Verhängnis. Banken bewerten Sicherheiten und laufende Einnahmen, und beides sieht bei einem erfolgreichen Künstler oder Sportler auf dem Papier hervorragend aus.
Das Problem liegt in der Struktur dieser Einnahmen. Sie sind projektbezogen, unregelmäßig und stark von Reputation abhängig. Ein Kredit über zwanzig Jahre trifft auf eine Einkommensquelle, die selten zwanzig Jahre trägt.
Dazu kommt ein Effekt, den Normalverdiener nicht kennen: Der Ruf ist Teil der Sicherheit. Wenn er beschädigt wird, brechen Werbeverträge und Engagements gleichzeitig weg, und zwar genau dann, wenn die Kredite bedient werden müssen.
Irrtum 4: Eine Insolvenz ist das Ende
Rechtlich ist sie ein geordnetes Verfahren mit definiertem Ausgang. In Deutschland kann eine natürliche Person heute nach drei Jahren Restschuldbefreiung erlangen.
Der Ablauf ist überall derselbe, unabhängig von der Bekanntheit:
- Außergerichtlicher Einigungsversuch mit den Gläubigern, meist über eine Schuldnerberatung.
- Antrag beim Insolvenzgericht, wenn die Einigung scheitert.
- Eröffnung des Verfahrens und Bestellung eines Treuhänders.
- Wohlverhaltensphase mit Abtretung des pfändbaren Einkommens.
- Restschuldbefreiung nach drei Jahren, wenn die Pflichten eingehalten wurden.
Ein Insolvenzverfahren wird eröffnet, wenn Zahlungsunfähigkeit vorliegt, wenn der Schuldner also seine fälligen Zahlungspflichten nicht mehr erfüllen kann. Die Definition steht in § 17 der Insolvenzordnung und gilt für den Millionär genauso wie für alle anderen.
Comebacks nach einer Insolvenz sind daher keine Ausnahme, sondern der vorgesehene Regelfall. Das Verfahren ist ausdrücklich darauf angelegt, einen wirtschaftlichen Neuanfang zu ermöglichen.
Das gilt auch jenseits der ganz großen Namen. Wenn eine Schauspielerin oder eine Sängerin nach Jahren ohne Engagement Privatinsolvenz anmelden muss, endet damit keine Karriere. Katy Karrenbauer etwa sprach öffentlich über ihre finanzielle Schieflage und arbeitete danach weiter. Genau diese Fälle sind für Normalverdiener aufschlussreicher als die Millionenbeträge, weil die Größenordnungen näher an der eigenen Lebenswirklichkeit liegen.
Irrtum 5: Mit dem Einkommen von Normalverdienern hat das nichts zu tun
Die Größenordnungen unterscheiden sich, die Mechanik nicht. Fünf Punkte aus den Promi-Fällen lassen sich direkt übertragen.
Fixkosten begrenzen. Miete, Leasing, Abos und Versicherungen sollten zusammen unter 50 Prozent des Nettoeinkommens bleiben. Wer diese Grenze reißt, hat bei einem Einkommensrückgang keinen Spielraum.
Steuern zurücklegen, bevor das Geld verplant wird. Der häufigste Ruinfaktor bei Selbstständigen ist die Nachzahlung für ein gutes Jahr, die in einem schlechten Jahr fällig wird.
Keine Bürgschaften für Dritte. Eine Bürgschaft ist wirtschaftlich ein eigener Kredit, nur ohne Gegenwert.
Einnahmequellen verteilen. Wer von einem Auftraggeber, einem Arbeitgeber oder einer Branche abhängt, hat kein Diversifikationsproblem in der Geldanlage, sondern im Einkommen.
Früh reagieren. Der Punkt, an dem eine Schuldnerberatung noch etwas ausrichten kann, liegt deutlich vor dem Punkt, an dem die meisten sich melden. Die Beratung bei anerkannten Stellen ist kostenlos.
Was am Ende bleibt
Die Fälle wirken spektakulär, weil die Zahlen groß sind. Was sie erzählen, ist banal: Ausgaben, die sich an das beste Jahr anpassen, Kredite, die auf eine unsichere Zukunft gebaut werden, und ein Reagieren, das zu spät kommt.
Genau deshalb sind Vermögensangaben zu Prominenten interessanter, als sie zunächst wirken. Was ein Vermögen wie das von Oliver Kahn tatsächlich bedeutet, hängt weniger an der Summe als an der Struktur dahinter. Ähnliches gilt für Karrieren mit ungleichmäßigem Verlauf, wie das Beispiel von Maddin Schneider zeigt.

